E-Learning

Sven H., Göteborg

Montag, 7. März 2016

Mein erster Tag in Göteborg, Schweden. In der Nacht hat es etwas geschneit und die Stadt mit einem zarten weißen Schleier überzogen. Ein winterliches Schweden eben, wie man es als Deutscher in unseren Bullerbü-Vorstellungen erwartet. So hat der Winter in Schweden zu sein, auch wenn sich die meisten Schweden, und ich bin da keine Ausnahme, nun eher über etwas Sonne und ein paar mehr Plusgrade gefreut hätten. Nach der gestrigen Anreise mit dem Zug, bei der das Ausmaß der europäischen Flüchtlingskrise für mich zum ersten Mal in Form von Grenz- und Passkontrollen bei der Einreise nach Dänemark und Schweden spür- und sichtbar wurde, geht es heute zur Folkuniversitet, wo ich fünf Tage lang hospitieren und mehr über e-learning und blended learning und die jahrelangen Erfahrungen, die man hier in Göteborg auf diesem Gebiet gesammelt hat, erfahren will.

Meine Unterkunft ist eine einfache aber zweckdienliche Jugendherberge, ein vandrarhem, welches in Schweden sowohl bei Jungen als auch Älteren sehr beliebt ist und ein geselliger Ort der Kulturen ist, wenn man es möchte.

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Foto: S. Hansen

Nach einem einfachen wie abwechslungsreichen Frühstück in Haga, einem angesagten und quirligen Stadtviertel mit traditioneller Holzhausbebauung und kleinen Läden und Geschäften, Cafés und Restaurants, geht es um 9:00 Uhr zum ersten Treffen mit Kerstin Namuth, der Koordinatorin für „flexibles Lernen“, wie es auf Schwedisch heißt. Sie empfängt mich im 7. Stock des Gebäudes der Folkuniversitet, das eingeklemmt zwischen den Zeugen Jehovas zur Linken und der Adventsgemeinde zur Rechten nicht Recht zur Geltung kommt. In Schweden gibt es nämlich den sogenannten Bibelgürtel, bibelbältet genannt, einen imaginären Landstreifen, der sich von der Westküste Schwedens über Jönköping in Småland bis nach Kalmar an der Südostküste erstreckt, und in dem freikirchliche Gemeinden überproportional häufig vertreten und einige Menschen religiöser als andere sind.

Der Empfang ist sehr herzlich und auf Deutsch, da Kerstin Namuth ursprünglich aus Bayern stammt. Wie in Schweden üblich, wählen wir beide das Du als Anrede und führen unser erstes Gespräch auf Deutsch, bevor wir auf meinen Wunsch hin zu Schwedisch wechseln. Es folgt ein erster Einblick in die umfangreiche Sammlung an unterstützenden Apps und Internetseiten sowie Lernplattformen, mit denen an der Folkuniversitet, einer Stiftungsgesellschaft aus verschiedenen Universitäten in Schweden, seit ungefähr 14 Jahren bereits gearbeitet wird.
Das Thema e-learning oder blended-learning wird sowohl bei den eigenen hausinternen Kursen als auch bei Auftragskursen durch die Stadt Göteborg angewandt und umgesetzt.
In der Regel werden solche Kurse über einen Zeitraum von nur 6 oder 12 Wochen angeboten, da Kursteilnehmer im Kursangebot nach deutlich kürzeren Kursangeboten suchen, um mehr Kursangebote wahrnehmen zu können.
Gängige Softwareprogramme für Teilnehmerkonferenzen im Internet, wenn die Gruppe nicht mehr als 10 Teilnehmer umfasst, sind kostenlose Programme wie Skype oder Google Hangouts. Für die meisten Kurse wird aber die ebenfalls kostenlose Softwarelösung von Moodle verwendet, da diese sowohl den Lernenden als auch den Lehrenden die Möglichkeit gibt, Inhalte einzustellen und miteinander zu verknüpfen.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen ging es mit der kostenlosen Fähre über den Götaälven, der ähnlich wie die Elbe die Stadt durchfließt und teilt, zu einem Kursleitertreffen in der Erwachsenenbildung, bei der Änderungen in der Kursbewertung bei Moodle besprochen und Fragen und Anregungen von Seiten der Kursteilnehmer geäußert werden konnten.
Die Folkuniversitet bietet Unternehmen und kommunalen Einrichtungen verschiedene Kurskonzepte an, bei denen es sich um Gruppenkurse, blended-learning-Kurse oder Fernkurse handelt. Im Auftrag der Stadt Göteborg sollen Geringqualifizerte und Schulabbrecher, die keinen gymnasialen Schulabschluss haben, das zum Erlangen eines gymnasialen Schulabschlusses notwendige Fächerwissen im Rahmen der drei oben genannten Kursformen nachholen.

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Foto: S. Hansen

Dabei werden in Moodle zu jedem Kurs vier Module sowie ein fünfter Block mit dem Namen IPP (Individuelle Pädagogische Planung) eingestellt. In Moodle habe die Kursleitenden die Möglichkeit, zu Beginn des Kurses die persönlichen Daten der erwachsenen Kursteilnehmer im Block IPP zu erfassen und zu dokumentieren, welche Erwartungen und Zielsetzungen die jeweiligen Kursteilnehmer an diese Fortbildung haben. Die Kursleitenden sind verpflichtet, den Kursteilnehmern in der Mitte des Kurses ein Entwicklungsgespräch und am Ende ein Abschlussgespräch anzubieten und die darin besprochenen Ergebnisse für jeden Einzelnen zu dokumentieren, um dem Auftraggeber gegenüber beweisen zu können, dass die vertraglich festgelegten Vorgaben des Weiterbildungsangebots auch durch die Kursleitenden erfüllt worden ist.
Diese Studienergebnisse müssen nach den aktuellen gesetzlichen Vorgaben fünf Jahre aufbewahrt werden.
Während dieser zweistündigen Kursleitersitzung konnte ich feststellen, dass die schwedischen Kollegen im Durchschnitt deutlich jünger, internationaler und vor allem offener für Technik und den Umgang mit ihr sind. Alle Mitarbeiter waren mit ihrem Laptop erschienen und ergänzten einander mit ihrem Wissen bei Fragen der technischen Machbarkeit und Dokumentation der Lernergebnisse, wenn der Referent, der sich seit mehreren Jahren mit diesem Thema zur Optimierung von Moodle befasst hatte, selbst keine Antworten liefern konnte.
Im Vergleich zu deutschen Volkshochschulen haben die meisten Kursleiter in der kommunalen Erwachsenenbildung, kurz Komvux, einen zeitlich befristeten Vertrag, der sie aber in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis absichert und eine Bezahlung nach Unterrichtsstunden, wie in Deutschland üblich, undenkbar erscheinen lässt, wir mir einige von ihnen im Gespräch fast empört mitteilten.
Nach zwei Stunden gab es das obligatorische fika, die gemeinsame Kaffeepause mit einer Kleinigkeit zum Essen, bei welcher Gelegenheit ich mich mit einigen schwedischen Kollegen zum Thema Erwachsenenbildung und Arbeitsbedingungen austauschen konnte. Um 15:00 Uhr war die Veranstaltung zu Ende und voller neuer Eindrücke und Informationen ging es zurück ans Südufer des Götaälven.
Morgen werde ich mir einige nützliche Softwareprogramme und Apps anschauen und mehr über ihren Einsatz im Unterricht lernen, bevor ich einige aktive Wikipedia-Autoren treffen und über mögliche Anwendungen von Wikipedia im Unterricht mehr erfahren werde.
S. Hansen, Göteborg“

Winter war gestern – Göteborg zeigt sich an diesem Morgen ohne den Schnee des gestrigen Tages. Es ist ein wenig milder geworden, so dass ich mich auf dem 15-minütigen Fußweg zur Folkuniversitet ein bisschen zu warm angezogen fühle und die Mütze, oder zumindest den Schal, hätte zuhause lassen können.
Heute wähle ich ein neues Café für mein kleines Frühstücksbuffet aus – „Frid och Fröjd“. Auch wenn ich eigentlich gar kein Kaffeetrinker bin, während es für viele Schweden hingegen gar nicht genug Kaffee geben kann, lasse ich mich auf das Gebräu zum Frühstück ein. Wacher fühle ich mich zwar nicht danach, aber geschadet scheint es mir auch nicht zu haben.
Um kurz vor neun klingele ich im siebten Stock der Folkuniversitet. Kerstin ist wie immer schon am Platz und öffnet mir die Tür. Heute möchte ich von ihr mehr zu den Strukturen der Folkuniversitet im Bereich Fernlernen erfahren.
Interessieren tun mich vor allem die Zusammensetzung der an Moodle mitwirkenden Kursleiter und Lehrer. Der überwiegende Teil der an der Folkuniversitet im Bereich Komvux (Erwachsenenbildung) beschäftigten Lehrer und Kursleiter hat einen unbefristeten (tillsvidareanställning) oder einen auf ein halbes oder ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag (visstidsanställning). Darüber hinaus gibt es auch noch die nach Honorarstunden berechneten Lehraufträge für Kursleiter (cirkelledare), deren Arbeitszeit am Ende des Monats von den Kursleitern auf einem Formular abgerechnet werden muss. Ähnlich wie an den Volkshochschulen in Schleswig-Holstein wird damit die geleistete Arbeit am Kursende dokumentiert.
Kursleitende in Vollzeit arbeiten inklusive Vor- und Nacharbeit 1080 Unterrichtsstunden (eine UE=45 Minuten) , bei 40 Arbeitswochen im Jahr entspräche dies 27 Unterrichtsstunden in der Woche. Rechnet man noch die Vorbereitungszeit und die Beantwortung technischer und administrativer Fragen hinzu, so kommt man auf eine weitaus höhere Anzahl an Stunden.
Außerhalb dieser berechneten Arbeitszeit liegen:
• das Erstellen des Unterrichtsmaterials.
• Fortbildungen zum Umgang und dem richtigen Einsatz der Lernplattform
• der mögliche zeitliche Mehraufwand für die Entwicklung neuer Lehrmethoden, Unterrichtsroutinen und die Eingewöhnung an die neue Technik. In diesem Fall empfiehlt die Folkuniversitet ein angepasstes Mehr an Honorar für die Kursleitenden pro Kurs in der Einführungsphase.

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Foto: S. Hansen

Gerade in der Anfangsphase der Arbeit mit einer neuen Lehrmethode wie dem Fernlernkurs in Moodle ist es wichtig, dass die Kursleitenden regelmäßig und in kurzen Abständen einloggen und den Lernprozess der Kursteilnehmer überwachen, um mögliche Komplikationen rechtzeitig lösen oder entsprechende technische oder pädagogische Hilfestellung einfordern zu können.
Zur Vorbereitung von Kursleitenden für das neue Projekt Fernlernen benötigt man sowohl physische als auch virtuelle Klassenräumen, in denen die Kursleitenden zusammenkommen und sich austauschen können. Hier empfiehlt sich die Wahl von zweckdienlichen, für alle leicht zugänglichen und günstigen Kursräumen, die eine gemeinsame Vorbereitung möglich machen.

Die Folkuniversitet hatte bei der Einführung genau diese Punkte bei der Überlegung für eine neue pädagogische Organisations- und Kursstruktur mit in Betracht gezogen, um abwägen zu können, welche Investitionen und welche Kosten und welcher Nutzen dem Bildungsträger Folkuniversitet entstehen würden. Diese wurden von Kerstin Namuth in Zusammenarbeit mit Rosalie Sanyang im Bericht des Nationalen Zentrums für flexibles Lernen (Nationellt centrum för flexibelt lärande) mit dem Titel „Ryms det nya i det gamla?“ (Passt das Neue in das Alte?) bereits 2004 formuliert.
Um einen Beitrag für eine Kostenreduzierung bei der Umsetzung des Fernlernkonzeptes zu erreichen, sollten die Schlüsselfragen zu Beginn der Planung lauten:
• Welche Einsparungen sind möglich?
• Können wir die pädagogische Qualität beibehalten?
• Sind die damit verbundenen veränderten Arbeitsbedingungen für die Kursleitenden angemessen?
Der Faktor Arbeitszeit wird von vielen Entscheidungsträgern beim Fernlernen als unerheblich angesehen, schließlich leisten die Kursteilnehmer doch den Hauptteil der Arbeit in diesen Kursen. Warum also Kursleiterstunden unnötig bezahlen?
Hier kommen Kerstin Namuth und Rosalie Sanyang zu dem Schluss, dass eine Vernachlässigung des Lernprozesses durch ein Minus an Unterrichtsstunden eher das Risiko erhöht, dass die Kursleiter deutlich mehr Arbeitsstunden benötigen, um Lernprozesse überhaupt anstoßen und aktivieren zu können, wenn diese vorher unkoordiniert statt gefunden haben sollten.
Es gilt also, die Arbeit und die Unterrichtsvorbereitung zu effektivisieren – bei gleichbleibender Qualität.
Zusätzliche Arbeitszeit, in der die Kursleiter eine anleitende Funktion bei der Bewältigung der Übungen und Aufgaben übernehmen müssen, kann dadurch eingespart werden:
• indem Kursleitende kompetente technische Hilfe bei der Installation und Konfiguration ihrer Laptops erhalten und Unterstützung bei Anwenderfragen erhalten, um unnötige Zeitausfälle für technische Rückfragen zu vermeiden.
• indem Kursleitende den Kursteilnehmern im Vorfeld deutlich machen, in welchen Fällen Kursleitende helfen können, und in welche nicht. Dies betrifft zum Beispiel den technischen Support für die Hard- und Software der Kursteilnehmer als auch die individuelle Handreichung oder die Geschwindigkeit im elektronischen Informationsaustausch via Email und Internet.
• indem Kursteilnehmer kursspezifische Kursdaten zum Kursbeginn und -ende und Kursdauer und -umfang direkt zu Beginn erhalten. Hier empfiehlt Kerstin Namuth eine durchschnittliche Kursdauer von 6 Wochen pro Kurs. Für die Berechnung des Kursleiterhonorars werden pro Woche 3 Unterrichtsstunden zugrunde gelegt, so dass bei einem Fernlernkurs mit einer Dauer von 6 Wochen bezahlte 18 Unterrichtsstunden veranschlagt werden.
• indem Arbeitsweisen und -methoden entwickelt werden, welche die Teilnehmer sinnvoll beschäftigen und die sprachliche und kommunikative Interaktion fördern. Dies kann z.B. durch die Formulierung einer Frage in einem Diskussionsforum der Fall sein. Eine solche Übung hat einen größeren Effekt als z.B. die Recherche und das Beschaffen von interaktivem Material, da eine solche Übung die Teilnehmer nur kurzfristig aktiviert.
• indem man mehrere Kurse an dieselbe Kursleitung vergibt, um so Synergien zu nutzen, und sich in mehrere Lernprozesse in verschiedenen virtuellen Kursräumen / Lernplattformen gleichzeitig einloggen und dadurch Zeit sparen zu können.
Wenn man dies lediglich für einen Kurs tut, so kostet der Gang zum Computer, das Anschalten des PCs, das Einloggen, das Anschauen der Lernplattform und der darin enthaltenen Prozesse und das Beantworten möglicher Fragen nach Einschätzung der Folkuniversitet bereits ca. 15 Minuten. Loggt man sich aber dann in zwei weitere virtuelle Lernräume ein, so dauert ein solcher Vorgang nur 17 Minuten.
• indem man Neues in bereits vorhandene Strukturen integriert und innerhalb des eigenen Bildungsträgers nach einer gemeinsamen Lösung sucht (Beispiel Moodle : VHS Husum und Förde vhs)
• indem von Beginn an darauf geachtet wird, mögliche Kurskonzepte, Materialien, technische Lösungen und Arbeitsroutinen reproduzierbar und wiederverwertbar zu konzipieren, um diese bei Bedarf einfach kopieren zu können.
• indem man bewusst nach Engagement und Ideen bei den eigenen Kursleitenden sucht und diese nutzt.

Ein Beispiel eines Moodle-Kurses im Bereich Fernlernen war das Thema „Kreatives Schreiben – Erzählen mit neuen sozialen Medien“. Ausgangsplattform war hierbei eine Moodle Lernplattform, in der die Teilnehmer wählen konnten, in welchem sozialen Medium (Twitter, blogg oder Facebook) ihre Geschichte und die Entwicklung eines Charakters erste Züge bekommen könnte.
Nachdem alle Teilnehmer ein Profil ihrer Figuren erstellt hatten, wurde an alle anderen Teilnehmer der jeweilige Link versandt, unter dem man die Figur des anderen im Internet finden konnte. Anschließend traf man sich im Form zu einer gemeinsamen Diskussion und zum kreativen Austausch.

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Foto: S. Hansen

Zu diesem kreativen Austausch ging es auch heute Nachmittag. Nur wenige hundert Meter von der Folkuniversitet liegt am Ufer des Götaälven ein ehemaliges Zolllager, welches nach sorgfältiger Restaurierung nun Räumlichkeiten für kleine Verlage, Künstler und andere Organisationen bietet. Unter anderem auch für das Literaturcafé, in dem sich eine kleine Schar von Wikipedianern jeden Dienstagnachmittag trifft, um gemeinsam neue Artikel zu schreiben oder bereits bestehende auf Fehler zu durchsuchen oder um angegebene Quellenangaben zu überprüfen und vergessene Quellenangaben hinzuzufügen – endlich erhält Wikipedia ein menschliches Antlitz.
Es sind weniger die zu erwartenden Technik-Freaks und Nerds, die ich eigentlich hier zu treffen vermutet hätte, sondern eine kleine bunt zusammengewürfelte Schar an Menschen, die sich für das Internet und Wikipedia im Besonderen interessieren. Kerstin Namuth ist hier regelmäßig vor Ort und aktive Wikipedianerin.
Heute treffen sie sich am Internationalen Frauentag, um gemeinsam zu diskutieren, wie man gemeinsam Wikipedia weiter verbessern und dabei demokratischer und gleichberechtigter entwickeln kann. 85% der Beiträge in Wikipedia werden nämlich von Männern verfasst und spiegeln dadurch ein schiefes Bild unserer Gesellschaft wieder, in der weibliche Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur oder Wissenschaft nur unzureichend oder gar nicht beschrieben werden und somit Leser nichts erfahren. Um diesen Umstand zu ändern, wurde eine Liste mit mehreren hundert weiblichen Persönlichkeiten zusammengestellt, die von allen Wikipedianern in Schweden in Wikipedia gesucht und auf deren Inhalte und Quellen überprüft werden sollten.
Wikipedias Ableger, Wikimedia Sverige, hat für Einwanderer ein Unterrichtskonzept im Rahmen von sfi (svenska för invandrare) entwickelt, um ihnen mit Hilfe von Wikipedia digitale Werkzeuge und Hilfsmittel für die Informationssuche, Kommunikation und das Sprachenlernen zu geben. Neben einer Einführung für Kursleitende und einer Kontrollliste über die notwendigen Kursleiterkompetenzen enthält diese pdf-Datei eine Anleitung zur Durchführung der Übungen als auch sechs Übungen mit den dazugehörigen Aufgabenstellungen. Diese Datei findet sich im Internet unter: http://bit.ly/sfi-lararhandboken
Auch ich darf mich in Wikipedia anmelden, um einen ersten Eindruck für die verschiedenen Werkzeug-Funktionen zu erhalten und mich einmal mit der Arbeit der Wikipedianer vertraut zu machen. Ein Konto ist schnell angelegt und schon werde ich in die Funktionen und vernetzte Welt von Wikipedia von erfahrenen Nachbarn begleitet. Unter Anleitung gelingt mir das Hinzufügen einer Quelle, jedoch habe ich schon bald wieder alle anderen Funktionen aus den Augen verloren. Eine Einbettung von Wikipedia in einen Fernlernkurs erscheint mir interessant, jedoch brauche ich noch Zeit, um mir ein passendes und realistisches Kurskonzept überlegen zu können. Der Weg ist das Ziel!
S. Hansen, Göteborg

Mittwoch, den 9. März 2016
Endlich Sonne! Der erste Blick aus dem Fenster an diesem Morgen bestätigt mir, dass der schwedische Wetterdienst für heute mit seiner Prognose Recht behalten hat. Auf meinem Fußweg zur Arbeit streife ich heute einmal durch das nahegelegene Quartier auf der Suche nach einem neuen Café, in dem ich frühstücken werde, lande aber schließlich wieder in dem gleichen Café, in dem ich bereits Montag war. War trotzdem wieder sehr lecker!

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Foto: S. Hansen

Kurz vor neun bin ich wieder im Büro in der Norra allégatan 7. Kerstins erste Frage an diesem Morgen gilt unserem gemeinsamen Besuch bei den Wikipedianern im Litteraturhuset gestern Nachmittag und meinem Eindruck von den Mitgliederstrukturen. Denn auch wenn Wikipedia den Anspruch hat, eine demokratische und unabhängige Plattform zu sein, in denen allen Interessierten die Möglichkeit gegeben wird, sich an Inhalten zu beteiligen und zu diskutieren, so steht Wikipedia für einen gewissen Anarchismus. Und ein bisschen Sandkasten.

Egal ob es sich dabei um Einzelgänger handelt, die sich mit ihrem Wissen den anderen aufdrängen und deren Arbeit bevormunden und ihnen reinreden, oder darüber in Wikipedia diskutieren und streiten, warum Bilder von automatischen versenkbaren Pissoirs aus Amsterdam in einem Wikipedia-Beitrag über öffentliche Toiletten in Göteborg nicht tragbar sind. Sandkasten eben!

Im schwedischen Wikipedia steht der Begriff sandlåda für Sandkasten, und genau dort können angemeldete Wikipedia-Mitglieder ihre neuen Artikel in einer Art Trockenübung erst einmal in Ruhe schreiben und an den richtigen Formulierungen und Quellenangaben feilen, bevor sie dann ins kalte Wasser des offenen Internets gelassen werden – und eventuell direkt von den anonymen Besserwisser-Haien gefressen werden. Ja, besserwisser ist ein Begriff im Schwedischen und bedeutet das gleiche wie im Deutschen.

Heute darf ich mich mal in Moodle umschauen und erste eigene Schritte unternehmen. Kerstin hat mir im Bereich Fernlernen freundlicherweise eine eigene Übungsplattform eingerichtet, auf der ich mich einfach mal ausprobieren kann.  Nun bin ich also da, wo ich hin wollte – eine eigene Lernplattform mit unzähligen Möglichkeiten!

Wikiversity Hansen MittwochNur irgendwie will mir nichts einfallen. Tja, welche Art von Kurs würde denn hier passen? – Ein Schreibkurs? Ein Grammatikkurs? Oder einfach ein normaler Sprachkurs?  Eine Lernplattform ohne Kurskonzept ist wie das Internet mit seinen Möglichkeiten – ohne genau zu wissen, was man eigentlich erfahren oder welches Lernziel man verfolgen will, erscheinen einem beide uninteressant und sinnlos. Wie die erste weiße Seite einer Hausarbeit, die von einem beschrieben werden soll, aber einem das erste Wort nicht einfällt, mit dem alles beginnen soll.

Meine Gedanken schweifen zu unserem Gespräch von heute Morgen. Ach ja, warum nicht Wikipedia mit einbinden! Also überlege ich mir ein Konzept für einen Fortgeschrittenenkurs, bei dem die Lernenden mit Hilfe von Wikipedia Artikel zu Personen, Gebäuden oder Orten recherchieren und gemeinsam im Sandkasten formulieren sollen, bevor diese mithelfen, Wikipedia zu vervollständigen.  Natürlich auf Schwedisch!

Zwischendurch fällt mein Blick auf die Uhr. Oh, schon kurz vor elf! Um elf Uhr hatte mir Kerstin einen Termin bei Andreas Eraybar, dem Projektleiter für das international anerkannte Sprachenzertifikat Swedex, organisiert. Schnell kommt sie noch mit mir runter in den sechsten Stock und stellt mich kurz vor, bevor sie wieder verschwindet. Andreas Eraybar kommt gerade von einem Meeting, ist aber trotzdem höflich, freundlich und offen für ein Gespräch. Endlich kann ich hier mal meine Fragen direkt stellen, da ich seit 2008 Prüfer für Swedex auf den Niveaustufen A2, B1 und B2 bin. Da aber die Nachfrage nach einem Sprachenzertifikat für Schwedisch in den letzten Jahren leider sehr gering war, wollte ich mich nach dem aktuellen Bekanntheits- und Nutzungsgrad dieses Zertifikats in Schweden erkundigen, um zu erfahren, ob man weiterhin Reklame für dieses Zertifikat in den Sprachkursen machen sollte.

In Schweden gibt es nämlich drei wichtige Sprachenzertifikate die man machen kann. Zum einen gibt es sfi (svenska för invandrare / Schwedisch für Einwanderer), dessen verschiedene Niveaustufen sich nicht am GER (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen) orientieren und daher schwer vergleichbar sind, Swedex mit seinen Niveaustufen A2, B1 und B2 gemäß GER, und TISUS (Test i svenska som utländskt språk) auf dem Niveau C1 für Studierende, die an einer schwedischen Universität / Hochschule auf Schwedisch studieren möchten.

Sfi und TISUS gibt es schon seit mehreren Jahrzehnten, während Swedex erst seit rund 10 Jahren angeboten wird und das Niveau B2 erst 2012 angeboten wird. Bislang reichte schwedischen Arbeitgebern ein Abschlusstest eines sfi-Kurses und Universitäten der bestandene TISUS-Test. Da auf dem schwedischen Arbeitsmarkt erst Sprachkenntnisse auf dem Niveau B2 hilfreich sind, fällt die Nachfrage nach A2 und B1 gering aus, vor allem wenn der Arbeitnehmer die Absicht hat, in Schweden zu arbeiten.

Die Antwort, die ich erhalte, klingt mir vertraut. Während die Nachfrage bei Ausländern eher niedrig ist, wird Swedex gerade in Schweden als Integrationsmöglichkeit gesehen, um Einwanderer und die zahllosen Flüchtlinge durch Sprachkurse zu integrieren und ihnen mit Sprachprüfungen den Weg zu ebnen. Denn auch hier sind viele Flüchtlinge sprachlich nicht integriert, da sie aufgrund der Masse immer schneller durch die Sprachkurse durchgeschleust werden, um Platz für die nächsten zu machen. Dadurch hat das sprachliche Niveau gelitten, so dass viele Flüchtlinge und Einwanderer trotz Sprachkurs nicht die erforderlichen sprachlichen Kompetenzen besitzen, um auf dem schwedischen Arbeitsmarkt erfolgreich vermittelbar zu sein. Hierbei leistet Swedex eine Hilfestellung, indem es Einwanderern die Möglichkeit gibt, konkret deren Sprachkompetenz in einem messbaren Prüfungsrahmen zu ermitteln.

Nach einer Stunde danke ich für das Gespräch und verabschiede mich, um nach einem kurzen Umweg über die Cafeteria, wieder in den siebten Stock zu begeben, wo Kerstin mitten in einer Videokonferenz über Google Hangout steckt. Aus ganz Schweden sind noch drei weitere Teilnehmer zugeschaltet, die alle an der Internetzeitschrift re:flex mitarbeiten und hier sozusagen eine kleine Redaktionskonferenz abhalten. Das Thema dieser Zeitschrift sind die Volksbildung und das flexible digitale Lernen.

Das Thema des heutigen Nachmittags war Folkbildningsrådet. Dieses Organ entscheidet über die Verwendung von staatlichen Bildungszuschüssen für die Kursangebote der 154 folkhögskolor im ganzen Land als auch der folkuniversitet. Darunter auch über die Fernlernkurse. An den folkhögskolor sollen diese nämlich nach dem Willen des Folkbildningsrådet wieder als flex-Kurse angeboten werden, d.h. mit einem obligatorischen Anteil an Präsenzunterrichtsstunden.

 

Re_flex_nättidning Hansen MittwochDiese Entscheidung würde das gesamte Engagement und die bislang geleistete Arbeit der Folkuniversitet und der Netzzeitung re:flex in den Grundfesten angreifen und viele Teilnehmer in einem Flächenland wie Schweden von der Partizipation an Volksbildung ausschließen, eben weil viele Kursorte weit entfernt liegen und damit schlecht erreichbar. Denn das digitale Kursangebot der folkhögskolor, die mit den deutschen Heimvolkshochschulen vergleichbar sind, steht Kursteilnehmern aus ganz Schweden offen.

Es gibt also noch immer Widerstand in schwedischen Institutionen beim Thema Digitalisierung und flexibles Lernen, wohl auch deshalb, weil viele Behörden einen Kontrollverlust bei der Vergabe von Fördermitteln befürchten. Findet denn tatsächlich Unterricht statt und arbeitet ein Kursleiter überhaupt, wenn der Kurs digital und online läuft? Dieses Denken ist uns an deutschen Volkshochschulen und Behörden auch nicht fremd. Findet nämlich ein Kurs in einem Klassenraum statt, ja, dann sieht man eben, dass Unterricht statt findet – und ist auch bereit, dafür Geld zu zahlen. Selbst in Schweden gilt es also Überzeugungsarbeit bei gewissen Behörden zu leisten.

Und in Deutschland fangen wir gerade erst an!

 

Donnerstag, den 10. März 2016
Noch zwei Tage. Dann geht es auch schon wieder nach Hause. Jeder Morgen folgt mittlerweile dem gleichen Ritual. Gegen 6:00 Uhr wache ich auf, wenn draußen auf dem Flur die ersten Frühaufsteher die Türen knallen und meine Nachbarn ihre Zimmer verlassen oder wenn sie auf die Toilette oder eine der beiden Duschen gehen, die schräg gegenüber von meinem Zimmer liegen. Wenn meine Familie zuhause glaubt, dass ich hier einen schönen erholsamen Urlaub habe, so muss ich sie mit diesen Zeilen eines Besseren belehren.

Aber man will ja nicht klagen. Also ab in die Dusche und sich schnell anziehen und dann zum Frühstücken in eines der umliegenden Cafés. Beim Frühstück blättere ich durch die kostenlose und durch Werbeanzeigen finanzierte Zeitung Metro, um zu erfahren, welche Themen Schweden im Moment bewegen. Es sind im Großen und Ganzen eher i-landsproblem, also typische Probleme westlicher Industrieländer, die thematisiert werden. Oder sind eine Mutter, deren Tochter ständig hungrig ist, jeder zweite Mensch auf diesem Planeten bis 2050 kurzsichtig sein wird oder die afghanische Frauenfußballnationalmannschaft neue Trikots erhalten hat – mit Hidschab (einer Kopfbedeckung zum verdecken der Haare), wirklich wichtige Probleme und Herausforderungen unserer Gesellschaft? Wohl eher nicht. Trotzdem, oder gerade deswegen, fühlt sich der Leser wohl beim Lesen der fettgedruckten Rubriken und darin bestärkt, dass in Schweden ja alles nicht so schlimm ist. Das schwedische Bullerbü-Bild ist bis auf paar kleine Kratzer heil geblieben. Glück gehabt!

Heute Vormittag treffe ich Christina Erikson, ihres Zeichens die führende Lehrerin seit 13 Jahren für den Umgang mit Fernlernkursen für Schwedisch und eigenen Kurskonzepten sowie der Lernplattform Moodle an der Folkuniversitet in Göteborg. Meine Erwartungen sind natürlich groß! Und sie werden vollkommen erfüllt – so dass mir am Ende ein bisschen der Kopf brummt.

Schließlich möchte ich wissen, welche Kurskonzepte im offenen Kursangebot häufig und gerne nachgefragt werden. Neben einem Kurs in Fachschwedisch für ausländische Ärzte und Zahnärzte, Sjukvårdssvenska, sind es vor allem Schreibkurse wie Skriv bättre svenska (Schreibe besser Schwedisch) oder kurze Einführungskurse, die als Fernlernkurse gut laufen und häufig nachgefragt werden.

Sie zeigt mir gerne die von ihr in jahrelanger Arbeit erstellten Moodle-Kurse und die darin enthaltenen digitalen Funktionen, die nicht nur ihr, sondern auch den Lernenden zur Verfügung stehen.

Die Einführung in den Schreibkurs besteht aus einem Vorwort, in dem sie den Kursteilnehmern die unterschiedlichen Korrekturanmerkungen und deren Bedeutung mit Beispielen aufschlüsselt, damit diese nachher verstehen, welche Fehler oder Verbesserungen in den von ihnen gewählten Texten erforderlich sind.

Anschließend hat sie ein Video-Tutorial eingepflegt, welches sie selbst mit dem kostenlosen Programm Jing (https://www.techsmith.de/jing.html) erstellt hat. Jing ist ein kostenloses Dienstprogramm, mit dem man kostenlos Videos, Bilder oder Animationen aufnehmen und mit eigenen gesprochenen Kommentaren versehen kann. Somit visualisiert man Erklärungen und macht sie damit einfacher und verständlicher. Ähnlich funktioniert hier auch die Software explain everything, bei der man zwischen einer kostenlosen und zwei kostenpflichtigen Versionen wählen kann (http://explaineverything.com/). Lediglich eine Registrierung ist erforderlich.

Diese beiden Programm eignen sich auch hervorragend, um Texte zu korrigieren und dabei den Lernenden die Texte korrekt vorzulesen und gleichzeitig im Text mit der Maus oder Markierungen zu verdeutlichen, was gut ist oder aber wie verbessert werden könnte. Um kurze Audio-Nachrichten oder Kommentare erstellen und diese in Moodle einbetten oder als Link versenden zu können, eignen sich die Programme vocaroo.com oder mailvu.com. Beide sind kostenlos.

Aus urheberrechtlichen Gründen hat Christina die meisten Audio- und Videodateien selbst erstellt und dabei viele hilfreiche Apps und Softwareprogramme gefunden und getestet. Ich fühle mich sehr dankbar, dass ich von ihrer langjährigen Erfahrung nun profitieren kann.

Einen weiteren Programmhöhepunkt stellt sie mir mit Learning apps (https://learningapps.org/) vor, einer Software, die eigene Bilder mit eingegebenen Begriffen per Mausklick kombiniert und Lückentexte oder Memory in verschiedenen Arbeitsblättern möglich macht, die alle problemlos in Moodle eingepflegt werden können. Ich bin hin och weg!

Ähnlich wie bei explain everything ist auch hier lediglich eine Registrierung erforderlich. Weitere spannende Softwareprogramme zum Aufnehmen von MP3-Poddcasts oder Hörübungen sind Audacity (http://www.audacity.de/) und Adobe Voice (https://standout.adobe.com/voice/). Für kreative Kollegen unter uns, die sowohl Texte als auch eigene Zeichnungen mit integrieren wollen, empfiehlt sich educreations (https://www.educreations.com/). Auch dieses Programm ist kostenlos, erfordert aber eine Registrierung.

Nach einer Stunde Input ist mein Kopf voll und ich möchte nur noch wissen, wann ich mal all diese Programme ausprobieren kann. Es juckt mir geradezu in den Fingern, diese Vielfalt an Einsatzmöglichkeiten im Unterricht auszuprobieren und gleich loszulegen. Doch ich muss mich gedulden, denn Christina muss weiter und einen Englisch-Kollegen in Moodle einweisen, während Kerstin und ich zur Handelshochschule müssen, da wir um 13 Uhr an einer Vortragsreihe zum Thema Digitalisering i människans tjänst (Die Digitalisierung im Dienste des Menschen) angemeldet sind.

Zu dieser Vortrags- und Informationsveranstaltung eingeladen hatte die Organisation REVÄST, ein Zusammenschluss einiger Interessengruppen bestehend aus der Region Västsverige, den Gemeinden und Gewerkschaften als auch Universitäten und Hochschulen in Westschweden.

Nach einer kurzen einleitenden Rede von Anders Hansson übernimmt der Referent Markus Bylund, Projektleiter People Technologies bei SICS Swedish ICT und eröffnet seinen Vortrag mit den allgemeinen Erwartungen an die Digitalisierung. Schlagworte, die dazu genannt werden sind Effektivität, schneller, billiger, rationaler, mehr, weniger, einfacher.

Bei der sich immer weiter entwickelnden Digitalisierung handelt es sich nicht nur um technische Fragen und Entwicklungen, sondern auch um sich verändernde Geschäftsmodelle und juristische und gesellschaftliche Fragen, auf die man in Schweden versucht Antworten zu finden und Lösungen zu entwickeln.

Das Thema Digitalisierung soll Netzwerke zwischen verschiedenen Akteuren innerhalb von Wirtschaft, Bildung, Gesellschaft und Arbeit schaffen und somit neue Kräfte auslösen und noch vorhandene Ängste abbauen. Vor allem viele Arbeitnehmer in Schweden fürchten die immer schnellere Digitalisierung der Wirtschaft und den Verlust von Arbeitsplätzen. In den Jahren 2006 – 2011 verschwand jeder zehnte Arbeitsplatz in der schwedischen Industrie aufgrund von gesteigerter Effizienz im Rahmen von digitalisierten und automatisierten Betriebsprozessen.

Daher empfiehlt er, seine Umgebung und deren Ziele und Zusammenhänge zu verstehen und die Zusammenarbeit in komplexen und dynamischen Umgebungen durch kontinuierliches Lernen und Lehren zu unterstützen und fördern.

Dies kann durch eine stärkere Beteiligung der Bevölkerung an gesellschaftlichen Prozessen wie z.B. Infrastrukturplanungen geschehen. Auch die wirtschaftliche Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage wird besser koordiniert und auf die Bedürfnisse der Bürger in vielen Lebensbereichen besser zugeschnitten, um Leerlauf und lange Wartezeiten zu vermeiden.

Ein oft zitiertes Beispiel für Ineffizienz ist hierbei der Gesundheitssektor. Das schwedische Gesundheitssystem mag zwar bei deutschen Ärzten und Krankenschwestern für seine angenehmen Arbeitsbedingungen und gute Bezahlung geschätzt werden, für die meisten schwedischen Patienten ist der Kontakt mit Krankenhäusern und Ärztezentren mit langen Wartezeiten verbunden. Schwedische Krankenhäuser sind oft mit der neuesten Medizintechnik ausgestattet, nutzen diese aber nicht effizient, da schlechte Personalplanung und kontraproduktive Klauseln in den Arbeitsverträgen dafür sorgen, dass teure Medizintechnik nicht in dem Maße genutzt wird, wie es möglich und notwendig ist. Ein Hauch von DDR und sozialdemokratischer Planwirtschaft scheint hier noch spürbar zu sein, wie auch viele Schweden, darauf angesprochen, finden.

Dabei warten laut Markus Bylund große gesellschaftliche Herausforderungen auf Schweden:

  • So wird sich die Anzahl 85-jähriger innerhalb von 30 Jahren verdoppelt haben
  • Im schwedischen Gesundheitssektor arbeiten 1,1 Mio Beschäftigte. 45% müssen bis 2022 neu eingestellt werden um den Bedarf zu decken. Die Altenpflege beträgt 30% der kommunalen Kosten in Schweden.
  • Im schwedischen Bildungssektor sind die Noten seit den 1990 Jahren zwar besser geworden, jedoch die messbaren Schulleistungen in Mathe, Leseverständnis und Naturwissenschaften gesunken.

Um also den weiteren Ausbau der Digitalisierung in Schweden und vor allem Westschweden zu unterstützen, bedarf es auch in Schweden gewaltiger Anstrengungen. Es sind viele Denkanstöße, mit denen ich die Handelshochschule nach der Pause verlasse. Es wird wohl kein Zurück mehr geben, auch wenn einen manchmal die Geschwindigkeit, mit denen Veränderungen in der Technik stattfinden, manchmal schwindeln lässt. Vor allem in so einem kleinen Land wie Schweden.

Vielleicht kommen ja bald Autoteile von Volvo aus dem 3D-Drucker, so dass man Herstellungs-, Transport- und Lagerkosten auf einen Bruchteil minimieren kann. Und wenn Volvo es nicht macht, so wird es jemand anders machen. Dies hat nicht nur der VW-Dieselskandal gezeigt, bei dem man jahrelang versucht hat, sich innovativen Antriebstechniken wie Hybrid-Technik oder elektrischen Antrieben zu verschließen und lieber auf Altbewährtes setzte. Ohne neue Innovationen und die Auseinandersetzung mit den Vorteilen der Digitalisierung, aber auch deren Nachteilen,  gefährden wir Arbeitsplätze und damit unseren Wohlstand. Schweden möchte Weltführer im Bereich Digitalisierung sein und an neuen Innovationen mitarbeiten und diese in Schweden und weltweit umsetzen.

Hoffentlich im Dienst des Menschen.

Freitag, den 11. März 2016
Nun heißt es also Abschied nehmen. Morgen früh werde ich wieder im Zug nach Kopenhagen sitzen und irgendwann auch weiter nach Hamburg fahren können. Ich könnte jetzt schon mein Resümee vorziehen und einfach sagen: „Schön war´s!“  – Aber so weit bin ich noch nicht!

Die fünf Tage sind wie im Flug vergangen, und in Schweden würde der Spruch „Tiden går fort när man har roligt“ (Die Zeit vergeht schnell wenn man Spaß hat) passen. Den neben vielen wertvollen Tipps und Erfahrungswerten von Kerstin, Christina und anderen habe ich auch sehr viel Spaß gehabt und eine sehr angenehme Hospitation absolviert.

Dementsprechend entspannt verlief auch der heutige letzte Tag in der Norra Allégatan. Der große morgendliche Höhepunkt im siebten Stock der Folkuniversitet ist jede Woche das große fredagsfika, wo die Kollegen bei Kaffee, Kuchen oder ein paar Schnittchen über die Woche quatschen und sich austauschen. Man ist ganz entspannt unter sich und lässt die Woche ausklingen.  Und selbst die Chefin sitzt ungezwungen mit am Tisch, ohne dass jetzt alle deswegen automatisch in den Flüstermodus wechseln oder zum Tuscheln eiligst den Raum verlassen müssen.

Gegen elf Uhr habe ich dann noch eine Skype-Telefonkonferenz mit Joakim Olausson, Ausbildungsleiter in Trollhättan, einer Industriestadt nordöstlich von Göteborg. Er ist Koordinator für Fernlernkurse an der Yrkeshögskola der Folkuniversitet in Trollhättan, die von den Inhalten und der Ausrichtung her schwierig mit der deutschen Schullandschaft zu vergleichen und weder Fachhochschule noch Berufsschule ist.

Die dort angebotenen Ausbildungsgänge werden als blended learning Kurse unter Anwendung von Moodle angeboten, um auch das Vertrauensverhältnis der Schüler untereinander und gegenüber dem Lehrer auf, und Hemmungen abbauen zu können. In einem Selbstbewertungsbogen werden die SchülerInnen 14 Tage vor Kursbeginn gebeten, ihre Vorkenntnisse im Umgang mit Lernplattformen und ihre Lernbiographie anzugeben, um in der ersten Unterrichtsstunde eine Einweisung in die wichtigsten Funktionen und Strukturen von Moodle geben zu können.

Im Anschluss daran findet die persönliche Betreuung am Telefon eine Woche nach der ersten Unterrichtsstunde im Umfang von ca. einer halben Stunde für jede einzelne Schülerin und jeden einzelnen Schüler statt. Hier kann noch einmal besonderer Förderbedarf erkannt und entsprechende Hilfestellung gegeben werden.

Hier übernehmen auch die Lehrer der Yrkeshögskolan die Verantwortung dafür, dass die Arbeit mit Moodle reibungslos klappt und die technischen Voraussetzungen gegeben sind. Dafür besorgt Joakim auch schon mal die Headsets, um sicherstellen zu können, dass die technischen Standards als Voraussetzung für die Teilnahme und Diskussionen in Moodle oder mit Adobe Connect funktioniert.

Trotz einiger technischer Störungen können wir die Videokonferenz zu Ende bringen und ich verabschiede Joakim in sein Wochenende.

Nach einer kurzen Mittagspause und einem Ausflug in die hauseigene Cafeteria, stelle ich am Nachmittag mein erstes kleines Lernprogramm her, welches ich voller Freude mal testen möchte. Mein Versuch jedoch, dieses Programm in meine aktuelle Lernplattform an der Hamburger Volkshochschule einzubetten, schlägt prompt fehl. Der Quellcode wird einfach nicht umgewandelt und weiterverlinkt. Frustrierend! Versuche das Gleiche noch einmal im Moodle-Kursraum der Folkuniversitet und siehe da – es klappt. Muss also mal die Zuständigen in Hamburg mal genauer fragen, warum es da nicht funktioniert. Technisch möglich sollte es sein. Auf das Wie hat man hoffentlich dort eine Antwort.

Da Kerstin sich noch mit einem Projektantrag für den ESF (Europäischer Sozialfond) auseinandersetzen muss, nutze ich das schöne Wetter und lasse sie in Ruhe arbeiten. Ich streife noch einmal durch die Innenstadt, kaufe ein paar Kleinigkeiten für meine Frau und meine Töchter und noch ein Blümchen als Dankeschön für Kerstin, die mit mir in den letzten fünf Tagen ihr kleines Büro netterweise geteilt und immer eine kompetente Ansprechpartnerin gewesen ist.

Vor ein paar Tagen hatte sie mich schon für den letzten Abend zu sich nach Hause eingeladen. Heute komme ich der Einladung nach und verbringe noch einen sehr netten Abend zusammen mit ihr und ihrem Mann Thomas, der auch Lehrer ist und ursprünglich aus der Schweiz kommt.

Bei französischem Brot, Schweizer Weißwein, bayerischem Weißbier, schwedischem Käse und griechischen Oliven merkt man, wie europäisch Schweden doch in den letzten Jahren geworden ist – und wie selbstverständlich wir uns als Europäer begreifen.

Gerne hätte ich die gesellig Runde noch etwas länger genossen, aber nach zwei Gläsern Wein naht der Abschied. Denn auch diese letzten Zeilen wollen noch geschrieben werden, um das Lerntagebuch endlich zu einem Schluss kommen zu lassen.

Hier kehre ich also an den Beginn des heutigen Tages zurück und wiederhole mit etwas Wehmut: „Schön war´s!“

Ein ganz großes Dankeschön an Kerstin Namuth, der ich eine rundum gelungene Hospitation mit vielen neuen Eindrücken, Erfahrungen, Tipps und Ratschlägen und einer wohltuenden Prise Humor verdanke. Tack, Kicki!

Hejdå Göteborg – Moin, moin Schleswig-Holstein!

Erfahrungsbericht Ilenia F., Helsinki

Gestern bin ich nach Helsinki geflogen und habe Schnee, Sonne und eine unglaubliche Landschaft genossen. Am Abend erwartete mich ein Willkommen-Abendessen wo ich einige Kollegen und die Kurstrainers kennengelernt habe. So hier die erste Eindrücke:

(https://drive.google.com/file/d/0B12F7CGLvn0RZmVXclZOLTVETmc/view?usp=sharing)

 

So heute war ich voller Enthusiasmus und habe fröhlich den Bus zur Institution genommen. Was habe ich erlebt?

 

  • Informationen über Finnland & die Finnische Kultur
  • Einführung über PISA
  • Das finnische Bildungssystem und das zukünftige „phenomenon based learning“- Prinzip. Das hat mich sehr beeindruckt. Mit dem neuen Schulsystem sollen die Schüler in ganzen Finnland besser auf das Berufsleben vorbereitet werde, daher werden finnische Kinder künftig fachübergreifend nach Themenblöcken, oder auch „Phänomenen“, lernen.

Statt Mathe und Englisch gibt es „Caféteria“ und „EU“: so könnte ein Schüler zum Beispiel Stunden im Fach „Caféteria“ haben und dort Elemente von Mathematik am Beispiel von Lebensmittelmengen oder Rechnungen und Trinkgeldern bearbeiten, dazu Fremdsprachen üben, um ausländische Kunden bedienen zu können, daneben auch Schreiben und Kommunikation trainieren (siehe pdf auf Englisch: https://drive.google.com/file/d/0B12F7CGLvn0RbzFrZFpNazhjaXc/view?usp=sharing)

  • Neue Apps

 

Apps des Tages

Google Drive

 

Wir haben diese App benutzt um die ganze Dokumente in der Cloud zu speichern und um die Möglichkeit zu haben die Dateien zu teilen und bearbeiten. Sehr nützlich aber erfordert ein Google Account. Ich habe alle Dokumente dieses Tagesbuches auf Google Drive gespeichert.

 

Keynote

Google slides

Beide Apps braucht man um Präsentationen zu erstellen…eine Alternative zu Power Point.

 

– Heute Vormittag war der Besuch der Veromäki Schule auf dem Plan: diese Schule ist sehr innovativ weil das Lernen und Lehren komplett neu gestaltet werden. Was meine ich damit?

Kein Unterricht, sondern Wochenpläne basierend auf „Phänomenen-lernen“: die Schüler können das Lernen selbst in der Woche organisieren und keine Hausaufgaben werden gegeben. Der Frontalunterricht existiert nicht: die Schüler erarbeiten sich die Themengebiete gemeinsam in Gruppen, was nebenbei ihre Kommunikationsfähigkeiten schult.

 

Die Lehrer planen gemeinsam mit den Kollegen die Themengebiete und gestalten gemeinsam den Unterricht.

Es war sehr inspirierend und es war sehr schön zu sehen wie selbstständig und entspannt die Schüler und Lehrer waren.

 

Schlüsselwörter: Vertrauen; eigener Schritt; eigenes Lerntempo

 

 

Veromäki School  Vantaa, Finland  http://www.edu.vantaa.fi/veromaki/wp/

 

Nachmittags: neue Runde mit Workshops über unterschiedliche Apps die durch ein QR-codes-Rallye vorgestellt wurden. Die QR Codes sind mittlerweile auch in Bibliotheken, Büchereien, Museen und an touristischen Informationsstellen zu finden und geben interessante Informationen zu den jeweiligen Einrichtungen und Gegenständen, die dann über das jeweilige Smartphone gelesen werden können. Warum nicht um Hausaufgaben zu übermitteln dann? Man kann die QR Codes einfach und kostenlos selbst herstellen und die wurden diesen Nachmittag benutzt um ein umständliches Abschreiben der Aufgabe zu ersparen. Sehr einfach und hat Spaß gemacht.

Schlüsselwörter:

  1. Sei kreativ
  2. Sei mutig in deiner Unterrichtsgestaltung
  3. Lass die Lernende kreativ sein
  4. Lernspiele sind nicht nur Spiele

 

Apps des Tages:

magisto: wer direkt auf dem Smartphone loslegen will, sollte sich dieses App ansehen. In drei Schritten können Nutzer Videos mit dem Dienst erstellen. Nach dem Hochladen von Fotos oder Videos können diese in eine Reihenfolge gebracht werden. Durch die Auswahl eines Themes entsteht ein schöner, einheitlicher Bild-Look. Im dritten Schritt kann noch passende Musik ausgewählt werden.

  • Comic strip

qr reader: um QR Codes zu lesen

puppet pals: Mit diesem Programm kann man seine eigene, einzigartige Show mit Animationen und Ton in Echtzeit erstellen: die eigenen Bewegungen und der Ton wird dafür aufgezeichnet

(https://drive.google.com/file/d/0B12F7CGLvn0RU3NGc1NKN0FhdWM/view?usp=sharing)

IF- Helsinki

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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